Und plötzlich bin ich Lehrerin …

Deutschlehrerin? Ich?? In einem Kurs für Flüchtlinge? Hätte mir das irgendjemand vor ein paar Jahren gesagt, ich hätte schallend gelacht. Berufserfahrung? Fehlanzeige! Schon in der Schule lag mir jedes An-die-Tafel-Vorkommen im Magen. Und auch später schrie ich bei Präsentationen nicht gerade hier, kam trotzdem nicht dran vorbei und war froh, wenn eine Schulung vorüber war. Ein Job als Lehrerin lag bisher weit entfernt. Warum also? Und überhaupt:

„Hast du dafür eigentlich Zeit?“

Das habe ich in den vergangenen Wochen immer wieder gehört. Nein, EIGENTLICH habe ich dafür überhaupt keine Zeit: Teilzeitjobberin, Freiberuflerin, Vollzeitmama, Alleinerziehende, Familienmanagerin, MitKindHausiPaukerin, MamaTaxifahrerin und … ach, ihr kennt das alles. EIGENTLICH weiß ich mich auch ohne ehrenamtlichen Deutschkurs ganz gut zu beschäftigen. Warum dann trotzdem?

Ja, warum? Trotzdem!

Seit Monaten sehe ich Bilder im Fernsehen, schaue Nachrichten, lese Zeitung. Und bin betroffen. Betroffen vom Schicksal anderer Menschen, aufgrund ihrer schrecklichen Erlebnisse, ihrer Armut und ihrer momentanen Not. Und ich bin geschockt. Geschockt über Reaktionen und Äußerungen deutscher Menschen, die diese Bilder wegwischen, aufgrund ihres Argwohns, ihrer Angst vor Veränderung und ihrer angeblichen Sorge um ihr Land.

Deshalb! Und weil ich auch keine Lösung parat habe.

Denn ich bin froh, dass ich es nicht bin, die die „großen“ politischen Fragen knacken muss. Ich wüsste auch gar nicht, was tun. Die unendliche Masse an Einzelschicksalen macht mich ratlos. Was ist da der richtige Weg? Wie kann man allen gerecht werden? Keine Ahnung. Ich weiß es auch nicht. Ich kenne nur einen falschen Weg. Einen, der Mauern um Deutschland errichtet und Fremdenhass schürt, der christliche Werte wie Mitmenschlichkeit außer Acht lässt und Nächstenliebe vernachlässigt.

Deshalb helfe ich im Kleinen, um was zu tun.

Weil ich überzeugt davon bin, dass tatenlos zusehen oder ausschließlich zu protestieren nicht weiterhilft. Keinem der Flüchtlinge, die teilweise traumatisiert in Unterkünften sitzen und warten. Warten, bis irgendjemand entscheidet, ob es in Deutschland für sie eine Zukunft gibt oder nicht. Denn das macht mürbe und passiv, manche ungeduldig und reizbar. Und das wiederum hilft uns allen nicht. Ein Abschotten geht nicht mehr. Die Veränderung ist da und wird uns weiter begleiten. Und sie wird sicher nicht rund laufen. Die Integration. Die aber nur mit unserer Unterstützung und mit dem Aufklären über unsere Werte beginnen kann. Mit Kommunikation und Begegnung. Und mit der deutschen Sprache. Im Kleinen. Dafür braucht es Gelegenheiten: beim gemeinsamen Sport, bei Gesprächen im Alltag oder eben in einem Deutschkurs.

Nur so wird das Fremde ein bisschen weniger fremd – für beide Seiten.

 

 

 

Bildquelle: © FM2 – fotolia.com

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