Kleiner Reisebericht mit einer Prise Gelassenheit, einem Schuss Abstand und viel Urspünglichkeit

Bornholm. Eine kleine dänische Insel mitten in der Ostsee. Gelegen irgendwo zwischen Schweden und Polen. Der Name der Insel ist geläufig. Aber sonst? Vor allem hier im Süden von Deutschland ist Bornholm kein gängiges Urlaubsziel. Die Schwaben und Bayern zieht es vor allem weiter in den Süden, an die Adria und ans Mittelmeer. Der ein oder andere fährt auch an die Nordsee. Klar. Aber noch weiter die Landkarte hoch und mit der Fähre stundenlang übers Meer? Diesen Weg nehmen nur wenige…

Schade eigentlich. Oder zum Glück! Denn genau deshalb findet man auf Bornholm noch Einsamkeit und Ursprünglichkeit, die wirklich Seltenheitswert hat.

Das muss man mögen – auch klar. Denn hier müssen sich Urlauber auf die Natur und die Bornholmer einstellen, nicht umgekehrt. Genau das macht jedoch den Charme aus. Den Charme der Unberührtheit. Zudem erhält man ein paar weitere Dinge, nebenbei, ganz kostenfrei:

Bornholm gibt den Anstoß für etwas mehr Gelassenheit. Für den Sinn nach Kreativität. Und für einen gewissen Abstand, von was auch immer. Ein Urlaub mitten unter Dänen – weit weg von vielem. 

Was ich schon am zweiten Tag von den Insulanern gelernt habe: Ihre Uhren ticken anders! Unser geplanter Einkehrschwung am späten Nachmittag in ein schönes Café mit lauschigem Garten endete so schnell, wie er begonnen hatte: „Wir schließen in ein paar Minuten. Die Küche wird schon geputzt.“ Sehr freundlich, aber auch sehr klar wurden unsere Wünsche nach ein paar kleinen Sandwichs abgelehnt. Immerhin durften wir noch mit einem Eis im wunderschönen Außenbereich verweilen, bis drinnen die abendlichen Aufräumaktionen erledigt waren. Es war nicht das letzte Mal, dass wir kurz vor knapp in einem Café oder Imbiss gerade noch etwas ergatterten.

Hier scheint der Feierabend heilig, während es gegen Mittag in den Städten brummt. Und Öffnungszeiten gestalten sich individuell: Ist nichts mehr los, schließt man eben. Kommen weniger Touristen, macht man später auf, egal was auf der Homepage steht.
 

Einmal saßen wir in den Abendstunden vor einer Fish- und Chips-Bude. Als nach uns niemand mehr kam, machte die Mitarbeiterin zu, obwohl das Öffnungszeitenschild etwas anderes sagte. Gerade als sie den Laden schloss, kam ein Auto mit örtlichem Kennzeichen. Kurzer Wortwechsel.Freundliches Schulterzucken bei ihr. Bedauerndes Schulterzucken bei ihm. Keine Diskussion.

Ich stellte mir damals diese Situation in der Stuttgarter Innenstadt vor und ging innerlich jede Wette ein, dass dort kräftig diskutiert worden wäre …

Nochmal „schnell“ einen weiteren Kunden bedienen und ein paar Minuten Arbeitszeit dranhängen – scheint eigentlich keine große Sache. Doch sind wir mal ehrlich: Nochmal „schnell“ oder „ganz kurz“ kann sich ziehen. Und einschleifen. Überstunden. Mehrarbeit. Wer kennt das nicht. Seine Arbeit nach einem Arbeitstag konsequent zu beenden ist oft nicht einfach. Häufig bläst Gegenwind. Auf Bornholm scheint das auf beiden Seiten bestens zu funktionieren. Sowohl das Einhalten als auch die Akzeptanz.

Und wir als Touristen hatten nun die Wahl, uns entweder aufzuregen oder eben auch – wie der Mann von der Insel – gelassen mit den Schultern zu zucken und einfach mal ein bisschen darüber nachzudenken…

Die Bornholmer sind übrigens unheimlich freundliche, gesprächige, hilfsbereite und offene Menschen, nicht dass hier ein falscher Eindruck entsteht. Dank des tollen BLOGS Bornholm My Love von Steffi Schroeter, die ich auf Bornholm persönlich kennengelernt habe, erhielten wir jede Menge Insidertipps, die uns zu Orten führten, an denen sich auch viele Bornholmer gerne aufhielten und schöne Stunden verbrachten. Auf einer mehrstündigen Kutschfahrt mitten durch den märchenhaften Wald Almindingen, bei der der Kutscher ausschließlich Dänisch sprach, übersetzte uns beispielsweise eine ganze dänische Familie abwechselnd alles, was der Reiseführer vorne auf dem Kutschbock so von sich gab. Dabei gab es viel zu lachen und wir haben neben den offiziellen Informationen eine Menge voneinander erfahren.

Feinste Sandkörner, unberührte Strände, einsame Buchten, lauschige Kiefernwälder, wilde Blaubeeren, raue Felsen, fliegende Wildgänse, grüne Wälder, brechende Wellen, idyllische Städtchen, regionale Delikatessen, unzählige Galerien, strahlender Sternenhimmel … genau das ist und findet man auf Bornholm.

Wer allerdings italienische Verhältnisse gewohnt ist, Strandliege und Sonnenschirm am Strand haben möchte, das Strandcafé für Cocktails und Pizza in unmittelbarer Nähe dazu sucht, mit Planschring und Luma im wohltemperierten Meer oder Pool schaukeln möchte und sich an einem abwechslungsreichen Abendprogramm erfreut – der wird enttäuscht sein. Hier fehlt jeglicher Trubel, die Animation. Das Klima ist rauer, die Ostsee sowieso. Die gebotenen Events sind überschaubar, dann allerdings vom Feinsten. Hier findet man eine berauschende Natur, unterschiedlichste Kreative und jede Menge Unberührtheit. Die Worte eines Bornholmers: „Wer hier lebt, muss mit sich selber klarkommen“, waren vor allem bezogen auf das manchmal sehr unwirtliche Winterhalbjahr. Ein ganz klein bisschen gilt dieser Satz aber auch für Urlauber.

Denn hier heißt es: selber gestalten. Oder auch mal nicht. Entspannen. Zeit mit sich, mit Freunden oder der Familie verbringen – zum Beispiel am Strand.

Das Erste, was uns am Strand begegnete war getrocknetes Seegras – und zwar eine ganze Menge. Und der Geruch war nicht unbedingt angenehm. Manchmal hieß das laufen, bis eine Stelle kam, an der es besser war. Das war anfangs unverständlich, manchmal auch lästig, vor allem wenn man Kinder im Schlepptau hat, die einfach nur ins Wasser wollen. Doch uns wurde nach wenigen Tagen erklärt, warum dieser Tang dort lag – und nicht schön säuberlich weggeräumt wurde. Eben für die Touristen. Die einen sauberen Strand und eine frische Meeresbrise wünschen. Bis vor wenigen Jahren säuberte man die Hauptstrände noch. Allerdings stellte man fest, dass der Strand dort zurückging und stetig kleiner wurde. Dem feinen Sand fehlte der Klebstoff – sein Seegras – und Wind und Wellen taten ihr übriges, ihn fortzuwehen. Die Bornholmer ruderten zurück und behielten die Natur im Auge. Heute bleibt der Tang dort, wo Wellen ihn hinspülen, auch wenn es mal muffelt und sich der ein oder andere Besucher der Insel daran stört. Nach der Erklärung murrte niemand mehr von uns – auch nicht die Kinder.

Das im Blick zu behalten, was wirklich gut tut, auch wenn es nicht jedem passt – es scheint sich zu lohnen, auch wenn es nicht immer sofort offensichtlich ist.

Was ich bei unseren Fahrten über die Insel – neben den vielen regionalen Delikatessen – besonders toll, individuell und vor allem für alle Beteiligten nützlich fand: die kleinen Buden überall – wir nannten sie einfach „die Kartofler“. Das sind selbst gebaute kleine Stände mit Geldkästchen zur Selbstbedienung. Darin bieten die Einheimischen häufig Kartoffeln an und machen mit dem Schild Kartofler darauf aufmerksam. Doch es gab im August nicht nur Kartoffeln, die vor den einzelnen Hauseingängen, in Hofeinfahrten oder an kleinen Wegkreuzungen angeboten wurden: Es lagen dort Blaubeeren, Pflaumen, selbst gemachte Marmelade, Honig, Feuerholz, Äpfel, Kräuter, Kleidung, und, und, und. Jeder Privatmann, der in seinem Garten zu viel Obst, Gemüse oder sonst etwas erntet, der stellt einen Stand auf.

Geben, was man übrig hat und nehmen, was man braucht. Davon profitieren alle – während unseres Urlaubs immer wieder auch wir.

Einen besonderen Abend verbrachte ich bei der Lesung meines „adeo-Kollegen“, dem Buchautor Udo Schroeter, am Lagerfeuer. Beiden Bücher von Udo („Bin am Meer“ und „Endlich wieder am Meer“) hatte ich bereits zu Hause gelesen. Diese und auch seine Wandkalender mit Meeresaufnahmen von Bornholm haben meine Urlaubswahl vor ein paar Monaten mitbeeinflusst. Seine Bücher sind Romane mit einer Vision, wie Menschen heute aus der Entfremdung und Hektik des Alltags wieder zurück zu sich selber und zu ihrer Kraft finden können. Eine klare Leseempfehlung für alle Stressgeplagten. Natürlich spielt das Ganze auf Bornholm. Den speziellen Strandabschnitt habe ich aufgesucht und jetzt endlich auch verstanden, wie es Meeresforellen schaffen, über einen Strand zu kommen, um in einem Fluss aufwärts zu schwimmen…

Es war sicher nicht meine letzte Reise nach Bornholm.

Die Insel ist wunderschön und die Zeit war Gold wert. Ob ich die dort empfundene Gelassenheit und Ruhe in meinen Alltag transportieren kann? Wenn ich alleine an die vergangenen Tage denke – sicher nicht immer. Aber ich rufe mir die schönen Wochen, die Natur und die Zeit für mich immer wieder ins Gedächtnis. Und versuche mich auch hier, immer mal wieder auszubremsen. Ist doch ein Anfang, oder?

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